
Digitale Produkte sind nicht neutral. Sie beeinflussen, wie Menschen kommunizieren, entscheiden, lernen, konsumieren und sich orientieren. Wer Apps baut, gestaltet Realität mit – und trägt Verantwortung für ihre Wirkung.
Ich leite seit acht Jahren eine App Agentur mit Fokus auf Flutter, bringe aber auch einen Philosophie-Background mit. Und je länger ich mit Teams an digitalen Produkten arbeite, desto klarer wird mir: Wir brauchen Werkzeuge, um ethische Fragestellungen in unseren Produkt-Alltag zu bringen.
Deshalb haben wir ein einfaches Framework entwickelt, das hilft, Verantwortung im Entwicklungsprozess sichtbar und diskutierbar zu machen. Es richtet sich an alle, die an digitalen Produkten arbeiten: Product Owner, Entwickler:innen, UX-Designer:innen, Manager:innen.
Verantwortung beginnt nicht erst bei der Feature-Entscheidung. Sie ist Teil jeder Projektphase: von der Auswahl der Tools über das UX-Design bis hin zur Datennutzung. Unser Framework unterstützt Teams dabei, zentrale Fragen nicht zu übersehen.
Es basiert auf sechs Bereichen, die in unserer Arbeit immer wieder vorkommen. Die ethischen Fragestellungen sind nicht neu - aber wir haben versucht sie zu organisieren und runterzubrechen. Im Arbeitsalltag sind wir in der Regel direkt auf der funktional-wirtschaftlichen Ebene und verbannen die menschliche Ebene in unser Privatleben.
Doch hier im Business haben wir die größte Hebelwirkung. Und dass wir ein bißchen mehr Verantwortung in der Tech-Welt gebrauchen können, hat uns Trump's Amtseinführung letztes Jahr gezeigt, mit den Tech Bros an seiner Seite, die mittlerweile dank unserer Daten Politik mitgestalten können.
Daten sind nicht per se gut oder schlecht. Entscheidend ist der Zweck.
Daten für Menschen verbessern Nutzbarkeit. Sie zeigen, wo Nutzer hängenbleiben, was unverständlich ist, wo Orientierung fehlt. Diese Daten können anonym sein und dienen vor Allem dem Mehrwert für den Nutzer.
Daten über Menschen dienen dem App Anbieter, nicht dem Nutzer. Sie ermöglichen Profiling, Druck oder Vorhersage und Beeinflussen von Verhalten.
Leitfrage: Sammeln wir Daten, um Nutzbarkeit zu verbessern? Oder um Verhalten zu lenken?
Ziel: Daten für bessere Navigation, Funktionalität und Barriereabbau. Keine Profile.
Retention ist kein Qualitätskriterium, wenn die Bindung aus Druck entsteht.
Nutzerbindung: Rückkehr wegen Nutzen.
Abhängigkeit: Rückkehr, um ein unangenehmes Gefühl zu beenden.
Werkzeuge wie Push, Dringlichkeit, Gamification sind erstmal neutral. Die Frage ist: Was soll erreicht werden?
Leitfrage: Würde ich meinen Kindern meine App in die Hände geben?
Ziel: Echter Mehrwert für den User, statt Konditionierung.
Digitale Teilhabe bedeutet: Möglichst viele Menschen können die Anwendung selbstständig nutzen. Nicht nur „barrierefrei“ im legalen Sinn, sondern verständlich, navigierbar, klar.
Das bedeutet: Hypes, technische und Design Spielereien zurückstellen und dein Produkt ein bißchen durchschnittlicher machen.
Deine Tester*innen sollten dagegen alles andere als durchschnittlich sein. (Nicht nur tech-affine deutsche Männer Mitte 30, die zufällig auch Devs in eurem Team sind.)
Leitfrage: Kann jemand mit geringer digitaler Erfahrung oder sonstigen Einschränkungen den Kern-Use-Case ohne Hilfe ausführen?
Ziel: Klarheit über Perfektion.
Teams gestalten Produkte aus ihrer eigenen Erfahrungswelt.
Wenn bestimmte Perspektiven fehlen, werden bestimmte Nutzerbedürfnisse gar nicht erst gesehen – und damit auch nicht mitgedacht. Das versperrt natürlich Chancen bei der Produktentwicklung - aber vor allem schließt es halt Menschengruppen aus.
Diversität im Team verhindert blinde Flecken in Anforderungen und UX.
Leitfrage: Haben wir mit Menschen gearbeitet oder getestet, die wirklich die Lebensrealitäten unserer Nutzer:innen repräsentieren?
Ziel: Teams divers aufstellen
Neben unserem eigenen Code bestehen digitale Produkte aus Komponenten andere Unternehmen: Hosting, APIs, Frameworks, Plugins.
Damit unterstützen wir automatisch die Unternehmen hinter diesen Komponenten und treten auch in eine Abhängigkeit.
Zwei Punkte die wir dabei bedenken sollten, um damit auch später glücklich zu bleiben:
Robustheit: Vermeiden unnötiger Abhängigkeiten, die später Lock-in erzeugen. (Und gefährlich werden können, Stichwort Digitale Souveränität)
Wertekompatibilität: Entscheidungen treffen, die vertretbar sind – auch langfristig.
Leitfrage: Wovon und von wem machen wir uns abhängig, und können wir damit leben?
Ziel: Bewusste Wahl statt Zufall.
Digitale Produkte verbrauchen Ressourcen. Weniger Rechenlast, weniger Datenübertragung und -speicherung sparen Energie. Vor dem Anbruch des KI Zeitalter hat das schon eine Menge Strom und Wasser verbraucht - jetzt wächst der Verbrauch exponentiell.
Wir brauchen hier realistische Abwägungen zwischen Nutzererlebnis und Nachhaltigkeit. Wieviel KI brauchen wir wirklich für eine gute App?
Leitfrage: Auf welche Daten kann ich verzichten? Wie halte ich meinen Speicher clean? Und vor allem: Brauch ich wirklich diese AI?
Ziel: Realistisches Abwägen zwischen Nutzerkomfort und Klimaschutz.
Damit die Verantwortung nicht zwischen Tickets, Deadlines und Business-Zielen verloren geht, haben wir die sechs Bereiche für euch in einer einfachen Tabelle organisiert. Sie soll während der App-Entwicklung zum Einsatz kommen und eine zweite Ebene eröffnen: Neben der wirtschaftlichen eine ethische.
Jede Zeile stellt eine Leitfrage. Wer mag, kann sein digitales Produkt selbst oder im Team zu jedem Bereich einschätzen: von 1 (nicht so gut aufgestellt hier) bis 5 (vorbildlich umgesetzt).
Ein Foto der Tabelle hängen wir unten an. Nutzt sie gern für euren eigenen Kontext, passt sie an, diskutiert darüber. Vielleicht reicht nicht alles für eine glatte 5 – aber irgendwo sollte man anfangen.
Denn verantwortungsbewusstes Handeln, auch in der Tech-Branche - hat seine Wurzeln nicht im stillen Kämmerlein. Welche Verantwortung man für andere Menschen trägt und welches Verhalten fair ist, das muss laut verhandelt werden. Mit möglichst vielen verschiedenartigen Menschen, möglichst regelmäßig.
Viel Spaß dabei, Mira
